Car Porn: Autojournalismus als reine Unterhaltung

Journalismus hat immer auch die Aufgabe, das Publikum zu unterhalten. Qualitätsmedien vergessen das manchmal. Manchmal schießen Onlinemedien über das Ziel hinaus und schielen nur auf den schnellen Klick für den Augenblick. Möglichst viele davon, Stefan Niggemeier kann ein Lied davon singen.

Unterhaltsam scheinen die Texte zu sein, in denen es um hohe dreistellige PS-Werte und Drehmomente gibt. Allemal dreistellig sind aber auch die Zahl der Fahrzeuge, die davon nach Deutschland kommen.

Auto News bringt eine Story über einen offenen Ford Mustang mit 650 PS. Ich habe wohl erst zwei Mustangs im Leben gesehen, eine davon in München. Mehr werden es wohl nicht weiter. Bezug zur Lebenswirklichkeit von Menschen und Autofahrern? Null. Aber Unterhaltung, Träumen, so etwas wie die Kelly Bag in Autoform. Oder der Reisebericht einer Mount-Everest-Besteigung. Man kann es Fantasiejournalismus nennen. Ich nenne es Car Porn. Das werde ich in loser Folge mal häufiger versuchen hier aufzugreifen, wenn ich eklatante Beispiele finde.

Hier ist die US-Microsite für den übermotorisierten Mustang, bei dem ich schwören könnte, das sich die Karosserie nach US-Bauart bei der Power leicht verzieht.

Kostencheck als Galerie: Klick, Klick, Klick

Das erste Opfer des modernen deutschen Online-Journalismus ist die Tabelle.
Stefan Niggemeier

Eine wunderbare Illustration dieser These von 2008 bringt autobild.de mit der Galerie der 50 SUVs im Kosten-Check: http://www.autobild.de/artikel/betriebskosten-vergleich-2799905.html

Dennoch erstaunlich, dass einige teure Fahrzeuge über die Laufzeit recht niedrige Kilometerpreise erzeugen.

Bei minus neun Grad Celsius offen Cabrio fahren

BMW 328i Cabriolet 1998

Angeber gibt es viele. Viele von ihren fahren Angeberautos. Ein schickes Angeberauto ist ja zum Beispiel ein BMW 3er Cabrio. Damit kann man auch im Winter offen fahren. Wie sagte eins ein väterlicher Freund zu mir: “Klar, mit meiner Corvette bin ich auch im Januar offen gefahren. Man musste halt die Heizung voll aufdrehen.”

Bei der derzeitigen sibirischen Kältewelle in Deutschland ist es dennoch eine Leistung, wie ich finde. Mit Mütze und Sonnenbrille und Schal saß tatsächlich letzte Woche ein Mann in einem offenen BMW 3er auf der Landstraße – und fuhr bestimmt 70.

Hätte gerne ein Foto von seiner Klimaanlage gemacht. Die stand bestimmt auch auf 70 Grad.

Wenn Autohersteller Autovermietung üben: BMW

Autohersteller versuchen oftmals neue Dinge. BMW hat mit dem Mini die Marke nach unten erweitert. Mercedes hat den Stern mal vom Kühlergrill heruntergeholt und bei den Coupés auf den Kühlergrill gepappt. Sah schlimm aus, so wie neue Dinge oft mal in die Hose gehen können.

Mercedes W140 Coupe

Die wohl größten Kunden der deutschen Autohersteller im Premium-Bereich sind die Autovermieter. Sixt bietet über diesen Weg etwa auch Leasingkonditionen an. Damit verbessert sich die Marge an den günstig eingekauften Autos nochmals.

BMW übt in der BMW Welt in München am Mittleren Ring seit Ende 2010 einen Vermietungsservice: Alle aktuellen Modelle sind dort mietbar. BMW on Demand nennt sich das Ganze.

Das habe ich bereits einige Male gemacht und möchte von den Erfahrungen erzählen. Die sind so, wie man sich das von einer Erfahrung mit dem Autovermieter wünscht. Anders kann man das gar nicht sagen:

BMW world / BMW Welt

  • zuvorkommender Service am Counter: Sehr nette Mitarbeiter erklären die Formalitäten. Da erst beim Zurückbringen abgerechnet wird, wird zu Beginn der Mietzeit noch eine 750-Euro-Pauschale als Sicherheit auf die Kreditkarte gebucht. Das muss man erklären, wird aber auch gern gemacht.
  • Gute Reservierungstools online: Am PC kann man sich sein Auto aussuchen – und das bekommt man dann auch. Man kriegt keinen „BMW oder so ähnlich“, sondern den BMW 118d mit Navi, wenn man den haben will. M3 gibt es natürlich auch, aber erst ab 25. Und der kostet auch ein bisschen mehr.
  • Storno: Ein Anruf genügt, und das Auto ist wieder kostenfrei storniert. Das geht, solange die Mietzeit noch nicht begonnen hat.
  • Gute Konditionen: Wer ein Auto nur für eine Stunde braucht oder vielleicht doch drei, aber es könnte kürzer werden, zahlt auch nur für jede angebrochene Stunde. Gerade in der notorisch stauverstopften Münchner Innenstadt ein gutes Argument.
  • Tolle Rückgabe: Ein Mitarbeiter schaut sich gemeinsam das Fahrzeug an mit dem Mietenden, liest die Schlüsselkarte aus, oben wird abgerechnet – und schon ist man wieder an der U-Bahn.
  • Ich habe jedenfalls auch schon wieder ein drittes und ein viertes Mal gebucht, weil es nicht immer ein Auto über das ganze Wochenende sein muss. So wie es die Anbieter wie Sixt und Europcar unvergleichlich viel billiger anbieten. Aber für kurze Zeiträume, etwa über Nacht, lohnt sich der Blick auf das Preismodell von BMW on Demand.

    Auch BMW hält die Erfahrungen wohl für gute. Mit Drive Now ist der Hersteller in die Carsharing-Szene und damit in die Breite in München expandiert: Das dann aber zumindest zusammen mit dem wahrscheinlich größten Fahrzeugkunden des Konzerns, dem Autovermieter Sixt – https://www.drive-now.com/so-funktionierts/.

Die PR-Maschine der Autoindustrie stottert nicht

Gefühlt war es ja immer schon so, dass deutsche Autojournalisten deutsche Autos gut fanden. Damit machten sie sich schon vor 30 Jahren, als ich die ersten Autozeitungen und -zeitschriften las, lächerlich – und sorgten für Mengen von Leserbriefen. „Es gewinnt bei Ihnen doch immer nur ein VW“, das ist sicher auch heute noch der wahrscheinlich häufigste Satz in der Post, die den Magazinen von Lesern zugeschickt wird.

In der gleichen Post kommen natürlich auch die Einladungen zu den Präsentationen neuer Modelle. Einige Wochen später fliegt dann ein Tross von Motorjournalisten an einen sonnigen Ort, um das neueste Produkt eines Herstellers in würdiger 4- bis 5-Sterne-Umgebung zu testen. (Von einem ehemaligen Autohersteller-Pressesprecher kenne ich die Geschichten, wie sich die Journalisten dann aufführen. Vielen Dank auch.)

Und wieder ein paar Wochen später, wenn die Sperrfrist des Herstellers endlich vorüber ist, erscheinen gleichzeitig die Artikel in den verschiedenen Medien.

Im Moment geht um die BMW M-Modelle, den Mini-Roadster und den A1 Sportback. Wer die lesen mag, prima. Ach ja, den feueranfälligen Elektroautos widmen die meisten auch noch ein paar Zeilen.

Und natürlich ist der Bias pro deutsche Autos auch zwischenzeitlich verschwunden. Die Japaner waren zeitweise einfach besser, Renault gab es da auch noch. Heute werden Seat und Skoda auch empfohlen, aber das sind ja fast deutsche Marken, weil sie zu VW gewinnen. Und ob jetzt ein VW oder ein BMW gewinnt, ist mittlerweile egal.

Der Sylt-Aufkleber

Ein Sylt-Aufkleber hat mich letzte Woche zum Nachdenken gebracht. Auf wie vielen deutschen Autos klebt der wohl? Gefühlt einem Prozent. Er verkörpert die Erinnerung an schöne Urlaube, Dünen und die Hoffnung auf ein Jetset-Leben, zumindest meiner Meinung nach. Andere haben andere Erklärungen: wie dieser Thread.

Aber jetzt habe ich einen Aufkleber auf einem Auto gesehen, der die Landzunge nach links herausgestreckt hat. Mit anderen Worten: Der Aufkleber klebte falsch herum. Was will uns das sagen? Der Fahrer ist bei Erdkunde durchgefallen? Oder ist das so etwas wie ein Pentagramm, das auf dem Kopf steht?

Übrigens klebt der Sylt-Aufkleber gefühlt auf 50 Prozent aller Vintage-VW-Golf-Cabrios und 85 Prozent aller dunkelblauen Golf-I-und-II-Cabrios.

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Wie Audi den neuen A3 präsentierte

Darüber kann ich immer noch schmunzeln: Mit einer Computeranimation im Bord-Computer, ich glaube, das nennt Audi MMI, wurde auf der CES in Las Vegas der neue A3, der im Frühjahr auf den Markt kommt, vorgestellt.

Hier ein Foto in einer Neuheiten-Galerie von AMS:

http://www.auto-motor-und-sport.de/bilder/audi-a3-2012-auf-dem-genfer-autosalon-alle-infos-zum-neuen-a3-3972219.html?fotoshow_item=10#fotoshow_item=9